Chance Alter

Heino Niederhausen, Personalleiter im Mercedes-Benz Werk ­Bremen, und Dr. Sven C. Voelpel, Professor an der Jacobs ­University Bremen, haben die Ausstellung EY ALTER ins Leben gerufen. Für beide geht es um einen Paradigmenwechsel im Kopf: weg von der Negativsicht auf das Alter und den demo­grafischen Wandel, hin zur Erkennung der vielfältigen Chancen, die mit den neuen Altersstrukturen in Gesellschaft und ­Unternehmen verbunden sind.

9. Februar 2017

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Wie alt sind Sie, wie alt wären Sie gern?

Heino Niederhausen (HN): Ich bin 1969 geboren, zu Beginn der „Generation X“. Mit meinem Alter bin ich sehr zufrieden, aber zugegeben, es wäre schon spannend, in die Zukunft zu schauen oder die Vergangenheit mit dem Wissen der Gegenwart neu zu erleben.
Sven Voelpel (SV): 41, 41. Vermutlich werden diese beiden sich stets ändernden Jahresangaben mein gesamtes Leben lang übereinstimmen. Selbst bin ich auch ein Vertreter der „Generation X“ oder „Generation Golf“. Einen Golf hatte ich allerdings nie.

Was bedeutet Alter für Sie?

HN: Als ich mich vor annähernd zehn Jahren erstmals mit den Themen „Alter“ und „demografischer Wandel“ sozusagen professionell auseinandergesetzt habe, waren diese Begriffe noch weitgehend negativ belegt. Ehrlich gesagt waren meine eigenen Vorstellungen von Alter nicht wesentlich positiver. Inzwischen habe ich mich viel mit dem Konzept „Alter“ beschäftigt und weiß um den großen Spielraum, den jeder Mensch hat, verschiedene Lebensabschnitte aktiv zu gestalten. Seit mir bewusst ist, dass ich auf mein „Alter“ erheblichen Einfluss nehmen kann, ist es für mich lediglich eine Zahl – nicht mehr und nicht weniger.
SV: Eine Zunahme an Erfahrung, Gelassenheit und Glück. Wissenschaftliche Studien zeigen immer wieder, dass sich das emotionale Erleben mit dem Alter verändert. Zum einen werden emotionale Situationen mit einer größeren Gelassenheit wahrgenommen. Zum ­anderen berichten ältere Menschen im Durchschnitt, dass sie weniger stark ausgeprägte negative Gefühlszustände, weniger Angst und seltener depressive Symptome haben.

Herr Niederhausen, worauf freuen Sie sich mit 100 Jahren?

HN: Bei der Geschwindigkeit, mit der heutzutage technologische Entwicklung stattfindet, freue ich mich darauf, dass der Fortschritt in Bereichen wie Medizin und Gesundheit unseren persönlichen wie beruflichen Alltag stetig verbessern wird. Vor allem freue ich mich darauf, dass sich auch die Gesellschaft radikal in Bezug auf ihre Altersvorstellungen ändern wird. Wenn ich 100 bin, wird der Begriff „alt“ vielleicht gänzlich als nicht mehr zeitgemäß abgeschafft sein und Menschen definieren sich über ihre individuellen Interessen und Talente.

„Wenn ich 100 bin, wird der Begriff ,alt‘ vielleicht gänzlich als nicht mehr zeitgemäß abgeschafft sein und Menschen definieren sich über ihre individuellen Interessen und Talente.“

Sie haben zusammen die Idee zur Ausstellung EY ALTER ent­wickelt. Wie kam es dazu?

SV: Mercedes-Benz arbeitet mit meiner WISE Research Group und mir seit 2004 sowie dem WDN – WISE Demo­grafie Netzwerk bereits seit 2007 an verschiedenen Fragestellungen zum Thema demografischer Wandel zusammen. Schließlich schlug Heino ­Niederhausen ein Treffen an einem ­Sonntag im Bier­garten im Bürgerpark vor, bei dem er auf einen Zettel die erste Idee der Aus­stellung malte, die wir dann begeistert diskutierten.
HN: Den Zettel habe ich tatsächlich immer noch. Nur so viel: Darauf ist sowohl schon das Bremer Universum abgebildet als auch ­der ehemalige Bürgermeister Henning Scherf, der mich ­besonders zu der Ausstellungsidee inspiriert hat. Da hatten wir schon verschiedene Maßnahmen zum demografischen Wandel bei Mercedes in Bremen initiiert. So gründeten wir beispielsweise im Jahr 2012 ein Team, das auf Basis von Altersstrukturanalysen als Impulsgeber für strategische Personalumbauprozesse fungiert. Wir waren also an verschiedenen Stellen bereits mit der Auseinandersetzung um Altersbilder in Berührung gekommen.

Was ist das wesentliche Ziel der Ausstellung? Was sollen die ­Besucher aus der Ausstellung mitnehmen?

SV: Ziel ist es, eine Einstellungsänderung in der ­Bevölkerung zu erreichen. Wir wollen die Negativaussage des ­Alterns ab­schaffen, die davon ausgeht, dass Altern automatisch Abbau­prozesse mit sich bringt. Dies ist wissenschaftlich falsch. Vielmehr bestimmt unsere Einstellung unser Leben. Er­setzen wir diese negativen Assoziationen zum Thema Altern durch eine ­differenziertere, positive Sichtweise, die Abbau- und Wachstumsprozesse gleichermaßen beschreibt, kommt es zu ­einer Ein­stellungsänderung und damit zu einem positiven ­Lebens­verlauf mit ­vermehrten Wachstumsprozessen – ­gerade auch im ­Alter.
HN: Zwar gibt es inzwischen aus verschiedenen wissen­schaft­lichen und öffentlichen Institutionen heraus Bestrebungen, das Altersbild in der Gesellschaft auf Basis neuer Erkenntnisse zu ­ändern. Dies wird jedoch häufig über aufklärende Informations­materialien und Broschüren versucht, deren Reichweite be­grenzt ist. Unser Ansatzpunkt war es, ein Medium zu schaffen, das sich auf unterhaltsame Weise der Thematik des Älterwerdens ­nähert. Eine Mitmachausstellung, bei der der Besucher selbst an verschiedenen kreativ und interessant gestalteten Stationen erfahren kann, welche Chancen das Alter bietet, regt zum Nach­denken an, ohne dabei belehrend zu wirken.

Herr Niederhausen, ­warum Mercedes-­Benz? Es gehört ja nicht eben zum Kern­geschäft ­eines Auto­mobilbauers, Ausstellungen zu konzipieren  …

HN: Erfreulicherweise haben wir in all ­unseren deutschen Werken nur eine sehr geringe Fluktuation, was gleichzeitig bedeutet, dass auch Mitarbeiter mit einer fortgeschrittenen Erwerbsbio­grafie noch bei uns im Automobilbau tätig bleiben wollen. Das ist ­sicher eine Herausforderung, gleichzeitig aber eine große ­Chance. Wichtig ist uns, die Mitarbeiter in der Nutzung ihrer Fähig­keiten zu unterstützen – ungeachtet ihres Geburtsdatums. Ich bin davon überzeugt, dass Motivation dabei eine Schlüsselrolle spielt.

Die Ausstellung ist Teil einer groß angelegten Demografie-­Initiative von Mercedes-Benz. Das Projekt YES steht für Young and Experienced together Successful. Herr Voelpel, welche Stärken bringen die jüngeren, welche die älteren Mitarbeiter ein?

SV: Jüngere und ältere Mitarbeiter ergänzen sich optimal. So bringen die Jüngeren oft neues in der Ausbildung erworbenes Wissen mit, höheren Enthusiasmus und mehr innovative ­Ideen. Die ­Älteren verfügen hingegen über Erfahrungswissen, emotio­nale Stabilität und Urteilskraft. Diese wirken sich wiederum nützlich auf die Ideen aus. Beide Gruppen zusammen ­bilden ein optimales Netzwerk, um diese Ideen gemeinsam um­zusetzen. Wissenschaftlich belegen konnten wir dies in zahlreichen vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung, der ­Deutschen Forschungs­gemeinschaft und der VolkswagenStiftung geförderten Projekten.

Herr Niederhausen, mit welchem Gefühl betrachten Sie die demografische Entwicklung in Deutschland: Panik, Gelassenheit, Hoffnung …?

HN: Ich denke, dass im demografischen Wandel tatsächlich vor allem die Chance liegt, Dinge neu zu denken und anders zu machen. Wir sollten uns von althergebrachten Denkweisen in Kategorien wie „Alt“ und „Jung“ lösen und die Möglichkeit ­nutzen, die Zukunft und unseren Umgang mit Alter neu zu de­finieren und zu gestalten.

„Ich denke, dass im demografischen Wandel tatsächlich vor allem die Chance liegt, Dinge neu zu denken und anders zu machen.”

Die Ausstellung spricht den Einzelnen an: „Dein Alter, Dein ­Potenzial, Dein Team …“ Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, den einzelnen Menschen für das Thema Alter zu sensibilisieren, und was muss sich ggf. in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt ­ändern?

SV: Die Besucher der Ausstellung werden ihre Einstellung zum Thema Altern ändern. Ihre neue Meinung werden sie mit in ihren Job und ihr Privatleben nehmen. So verbreitet sie sich immer mehr in der Gesellschaft und wird auch ihren Weg in die ­Politik und die Wirtschaft finden.
HN: Ich denke auch, dass das Umdenken auf breiter gesellschaftlicher Ebene der Schlüssel zum Erfolg ist. Deshalb haben wir uns auch bewusst entschieden, die Ausstellung öffentlich zu machen. Solange man als Unternehmen lediglich einzelne Maßnahmen aufsetzt, wird kein nachhaltiges Umdenken in der Belegschaft erreicht.

Ihr Tipp für den Ausstellungsbesuch?

HN: Mit offenen Sinnen in die Ausstellung hineingehen und alle Exponate intensiv erleben. Es wird sich etwas verändern.
SV: Nehmen Sie sich Zeit, um den Eindrücken der Aus­stellung Raum zu geben und sie im Geiste zu reflektieren. Diese Zeit werden Sie mehr als doppelt zurückbekommen!