Der Mensch in der Industrie 4.0

Aufgrund der demografischen Entwicklung stehen Unternehmen vor dem immer dringlicher werdenden Problem, dass ihnen Beschäftigte weder in quantitativer noch in qualitativer Hinsicht ausreichend zur Verfügung stehen.

10. Mai 2017

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In diesem Kontext scheinen die technologischen Entwicklungen einer vierten industriellen Revolution, die durch das Internet der Dinge und Dienste in Gang gesetzt wird, gerade für produzierende Unternehmen der Königsweg zur Bewältigung der demografischen Entwicklungen zu sein: Im Kern geht es darum, dass in der Produktion sogenannte Cyber-Physical Production Systems (CPPS) entstehen, mit intelligenten Betriebsmitteln und Erzeugnissen, die eigenständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich gegenseitig selbstständig steuern. Oder einfach ausgedrückt: Die industrielle Fertigung wächst mit dem Internet zusammen und entwickelt sich zu einer digitalisierten Industrie.

Beschäftigte scheinen in solchen Produktionssystemen auf den ersten Blick nicht mehr nötig zu sein. „Visionäre“ sprechen in diesem Kontext schon von „dark factories“, also Fabrikgebäuden, die keine Beleuchtung mehr benötigen, da keine Beschäftigten in diesen Gebäuden arbeiten.

Studien zu Industrie 4.0

Betrachtet man nun Studien zur Zukunft der Arbeit wird häufig die von Frey und Osborne im Jahr 2013 durchgeführte Untersuchung zur „Robotisierung“ herangezogen. Sie kommen für den US-Amerikanischen Arbeitsmarkt zu dem Ergebnis, dass 47 % vormals von Menschenhand ausgeführter Arbeitstätigkeiten durch Automatisierung gefährdet sind. Andere Studien kommen zu noch höheren Zahlen: So kommen bspw. Brzeski & Burk zu dem Schluss, dass hierzulande 59% Prozent, das bedeutet 18,3 Mio. Arbeitsplätze, gefährdet sind. Doch sind die errechneten Automatisierungseffekte und Auswirkungen auf die Entwicklung der Arbeitsplatzzahlen keinesfalls unumstritten. Studien mit einer anderen Herangehensweise als die oben genannte sprechen von weitaus geringeren bis gar keinen Freisetzungseffekten auf dem Arbeitsmarkt (Bonin, Terry, & Zierahn, 2015; Dengler & Matthes, 2015).

Industrie 4.0 als Herausforderung für Unternehmen

Gerade mit Bezug auf die industrielle Revolution steht fest, dass die digitale Entwicklung der Produktion in Richtung nicht zwangsläufig zu einem stabilen und profitablen Produktionssystem führt. Wenn „intelligente“ Produktions- und IT-Systeme miteinander verschmelzen, werden Arbeitstätigkeiten im Produktionsbereich sowohl aus technologischer als auch organisatorischer Perspektive anspruchsvoller, so dass die Unternehmen daher vor der Herausforderung stehen, die richtige Management- und Implementierungsstrategie für das Spannungsfeld zwischen einer stabilen, zieloptimierten digitalisierten Industrie und einer Beherrschung der zunehmenden Komplexität in allen Dimensionen durch seine Beschäftigten zu finden. Selbstverantwortliche Autonomie sowie dezentrale Führungs- und Steuerungsformen innerhalb einer kollaborativen Produktions- und Arbeitsorganisation sowie -gestaltung erscheinen diesbezüglich essentielle Erfolgsfaktoren zu sein. Der Erfolg dieser Unternehmen wird daher unmittelbar determiniert von der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten in dem neuen Produktionsumfeld. Unternehmen müssen daher Antworten auf folgende Fragen finden:

Welche Anforderungen bestehen in zukünftigen intelligenten und miteinander vernetzten Arbeits- und Produktionssystemen an den Mitarbeiter?

Welche Kompetenzen benötigen meine Mitarbeiter, um diesen Anforderungen gerecht zu werden?

Wie können meinen Mitarbeitern die notwendigen Kompetenzen effektiv und effizient vermittelt werden?

Wie kann eine sinnvolle und sinngebende Integration meiner Mitarbeiter stattfinden, um ein erfolgreiches Zusammenwirken von Mitarbeiter, Technik, Information und Organisation zu ermöglichen?

Es wird also deutlich, nur wenn Unternehmen es schaffen, ihre Mitarbeiter in den Digitalisierungsprozess sinnvoll zu integrieren und somit einen partizipativen Entwicklungsprozess zu beschreiten, können diese Unternehmen Industrie 4.0 für sich anwendbar und nutzbar machen – und sich somit eben nicht zu einer „dark factory“ wandeln.

  • Prof. Dr. Jörg von Garrel

    Prof. Dr. Jörg von Garrel ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Schwerpunkt Prozessmanagement, sowie Prorektor für Forschung und Qualitätsentwicklung an der SRH Fernhochschule – The Mobile University.